1 Eine Geschichte erzählen

Ich möchte eine Geschichte erzählen. Also nicht irgendeine Geschichte oder eine einzige Geschichte. Ich möchte eine Geschichte über das Leben als Lehrer erzählen. Jetzt könnte man sagen, über das Leben als Lehrer gibt es nichts zu erzählen oder das, was es zu erzählen gäbe, weiß eigentlich jeder. Denn jeder hat ein Schülerleben hinter sich, daher weiß er auch, was sich in einem Lehrerleben so abspielt. Aber halt!

Lassen Sie mich zumindest versuchen, über das Leben als Lehrer etwas zu erzählen. Das sind dann viele Geschichten, verschiedene Geschichten, die einem Lehrer oder auch einer Lehrerin so passieren können oder konnten. Obwohl, zugegeben, ich als Lehrer weiß natürlich nicht so genau, was den Lehrerinnen so alles passiert in ihrem Lehrerinnendasein. Und passieren tut da in diesen Geschichten ja auch wieder nicht viel, es passiert ja zum Glück in einem normalen Lehrerleben nicht allzu viel. Oder vielleicht doch wieder, wenn wir sagen, passieren bedeutet soviel wie geschehen. Es passiert also zum Glück nicht allzu viel. Aber es geschieht natürlich viel in einem langen Lehrerleben mit all den Veränderungen, Anpassungen oder Innovationen im Schul- und Bildungsbereich. Und das Wort natürlich stimmt nun auch wieder nicht, weil das, was passiert oder geschieht, nicht natürlich passiert, also der Logik der Natur logisch folgend. Es passiert einfach oder es geschieht, verursacht oder veranlasst von Schülern, Eltern, Beamten – oder vom Lehrer beeinflusst und initiiert, oder auch nicht.

Sagen wir so:

Es sollen Szenen beschrieben, Momente beleuchtet, kurze Geschichten erzählt werden. Szenen, Momente und Geschichten, die in einem Lehrerleben möglich sind, weil sie so passiert, geschehen sind, weil sie sich so ereignet haben, so ereignet haben können. Da kann es dann beim Schreiben auch vorkommen, dass man sich Erinnerungen zurechtbiegt, wie das halt so ist mit dem, woran man sich zu erinnern glaubt, was man da oder dort vernommen hat.

Es soll erzählt werden vom Lehrer als Wanderer zwischen den gegenwärtigen Welten, auch den vergangenen, wiedergefundenen, neu entdeckten, den nahen und fernen. Denn schaut man zurück oder voraus, nimmt die Wirklichkeit manchmal verschiedene Gesichter an, nimmt Wendungen, trifft Entscheidungen, die man ihr nicht zugetraut hätte.

Es sollen mit diesem Buchprojekt andere Lehrer zum Schreiben animiert werden, zum Schreiben über ihr Lehrerleben und ihre Lehrerwelten, angeregt werden zu einer biografischen Selbstreflexion, um alle Nichtlehrer – und davon gibt es ja eigentlich in Wirklichkeit doch einige – die Lebenswelten der Lehrer erahnen zu lassen. Und wer die Lebenswelten von Lehrern betritt, wird nicht nur neue Umgebungen entdecken, wird wandeln in den bekannt geglaubten Welten. Und wie von einer Reise in bekannt geglaubte Länder wird man als ein anderer zurückkommen, deutet sein Leben jetzt neu vor dem Horizont dieser Lebenswelten, dieser Schicksale realer Menschen, Lehrermenschen.

Allerdings wird hier nicht das aus den Lebenswelten erzählt, was man sich vielleicht so heimlich erwartet von einem Lehrerleben. Keine Geschichten, die sich zwischen der Matheprofessorin und dem Griechischlehrer – gibt’s die überhaupt noch? – abspielen, so eine leidenschaftslose Beziehungsgeschichte zwischen Lady Pythagoras und Sir Archimedes. Keine Geschichte zwischen dem Lehrer Specht und seiner Lieblingsschülerin Klara. Keine Klatsch- und Tratschgeschichten aus den Schülerzeitungen über die kleinen und großen Versprecher und Stolperer im Schul- und Unterrichtsleben.

Was dann noch übrig bleibt? Genug! All jenes, das man nicht im ersten Moment hinter einem Lehrerleben vermutet. Und das sitzt oft tief, kommt manchmal gar nie zum Vorschein, sehr oft wird darüber nie geredet, schon gar nicht geschrieben. Und wenn doch, dann irritiert es, gibt es oftmals auch Anlass zum Schmunzeln, manchmal macht es einen vielleicht auch leise und nachdenklich. Es ist also hier eine Sammlung realer Momente, wahrer und möglicher Szenen und Geschichten, die alle etwas gemeinsam haben: So kann es wirklich gewesen sein. Das hier ist Wirklichkeit.

Und wer dies liest und sich erinnert an seine Schulzeit, an sein Studium, an seine Vorlesungen und Seminare, Prüfungen und Leistungsnachweise, der kann ein bisschen etwas von einem Leben als Lehrer verstehen, vom Leben des Wesens Lehrer erahnen.

Und was dann? Was möchte ich dann?

Dann sollen Sie sich hinsetzen und schreiben. Schreiben über Ihr Leben als Lehrer, Szenen aus ihrem Leben als Lehrerin. Und das Geschriebene schickt man an die Website imlehrlauf.com. Denn mit der Veröffentlichung einzelner Texte auf dieser Website wird das erreicht, was ich als Autor dieser Zeilen eigentlich erreichen möchte: Nicht nur lesen und durchs Schlüsselloch schauen! Nicht über die kleinen Verfehlungen der Kollegen amüsieren! Nein: Jeder greift zur Feder, pardon Tastatur. Jeder hält das fest, was in seinem Lehrerleben so ist und war, was möglich gewesen sein könnte. Und andere sollen die vielen Gesichter des Lehrerdaseins sehen und staunen.