1 (Alb)Traumberuf Lehrer

Schmuddelwetter in Berlin. Es ist November… oft für lange Zeit kein blauer Himmel … alles ist grau, sehr grau. Dazu die vielen Plattenbauten in Berlin – Marzahn ringsherum. Nein, da kommt keine Freude auf, nicht wirklich. Oder doch? Natürlich, schließlich ist es Freitag, die 6. Stunde, die letzte.

Was steht an? Englisch in der 7. Klasse. Okay.

13-jährige Kids, die eigentlich ganz gerne Englisch lernen, aufmerksam sind und überhaupt – eine nette Klasse mit 26 Mädchen und Jungen. Auf geht´s.

Present Perfect/Past Perfect noch einmal erklärt. Es läuft. Bis, ja bis es an der Tür klopft.

In der 6. Stunde? Das passiert selten, also kurz unterbrechen: „Just wait a moment, I just wanna see who is outside.“

„ Ja, hallo? Was ist los?“

Ein Herr und eine Dame, noch nie vorher gesehen, stehen vor mir und würden gerne einmal kurz Robert sprechen, gleich hier vor der Tür. Es dauere nicht lange und sie wollen auch keine Umstände machen.

„Robert, kommst du einmal bitte?“

Und weiter mit dem Unterricht. „Take out your exercise books, page 37. Let´s get down with some more work.”

Hatten die sich eigentlich vorgestellt? Ja, haben sie, aber so leise gesprochen, dass du eigentlich nicht verstanden hast, wer sie waren. Haben dir auch was entgegengehalten.

Polizei? Ja, da wird schon einer etwas in einem Laden mitgehen haben lassen…

„Andrea, please read out loud.”

Es dauert nicht lange, da klopft es wieder. „Ja, bitte?“

Komisch. Wieder kommt niemand herein. „ Ja, was ist?“

Draußen stehen immer noch der Mann und die Frau; Robert weint, herzerschütternd.

„Entschuldigung, aber was geht hier eigentlich vor?“

Ich schließe kurz die Tür und der Mann erklärt mir, dass beide, wie schon erwähnt, von der Kriminalpolizei wären und im Selbsttötungsfall Rudolf K. ermitteln. Und sie würden jetzt noch gerne Werner sprechen wollen…

Uii, wieder in die Klasse: „ Werner bitte.“ Und weiter im Text….

NEIN. Schnell Fragen zum Text diktiert und raus.

Rudolf ist tot?! Wahnsinn! Das kleine, stille Kerlchen aus der 2. Reihe links. Waaahnsinnnn! Was soll ich machen? Weiß schon irgendjemand irgendwas? Die Schulleitung? Warum ist die nicht hier? Muss ich die rufen? Wen soll ich überhaupt informieren? Was passiert mit der Klasse?“

Nein, Freitag 6. Stunde, niemand ist im Sekretariat, der Schulleiter schon aus dem Haus, die Stellvertreterin wohl auf dem Weg zurück in die Schule, denn die war zufällig am Telefon zu Hause zu erreichen gewesen.

Na, bravo.

Also die beiden Kinder blieben bei den Kriminalbeamten und würden von den Eltern abgeholt werden. Ich solle mich um die Klasse kümmern, nachdem der Herr mir in kurzen, knappen Worten erklärt hatte, was vorgefallen war.

Wow. Ich? Alleine? Im zweiten Dienstjahr? Ja, muss ich dann wohl.

„Please, hurry up and answer the question within the next 4 minutes. “

Die Klasse war ziemlich ruhig. Ja, zwei von ihnen waren herausgerufen worden. Aber das schien niemanden zu beunruhigen.

Wie lange ist noch? Eine Viertelstunde.

„Okay. That was all for today. We we´ll check that on Monday. Put all the things into your schoolbags and stay seated.”

Soweit, so gut.

„Liebe Mädchen, liebe Jungs, ich muss euch die traurige Mitteilung machen, dass euer Mitschüler Rudolf nicht mehr lebt. Er hat sich gestern von einem Balkon in den Tod gestürzt.“

Jetzt war es heraus und es gab kein zurück. Stille, Fassungslosigkeit, leises Schluchzen, was immer lauter wurde, unerträglich laut wurde. Es musste raus….

Was nun machen? Es war immer noch niemand anderer da, sollte auch nicht mehr kommen. Die Minuten zerrannen… irgendwann, irgendwann klingelte es. Wir waren alleine auf dem Flur.

„Bitte geht jetzt alle nach Hause. Niemand geht alleine. Bitte bringt euch gegenseitig nach Hause. (Wie sollte das eigentlich gehen?) „Wir reden Montag darüber, wenn wir mehr wissen….“

Die Klasse leerte sich. Ich war alleine, ganz alleine.

Ab zur Schulleitung. Ja, die Stellvertreterin war inzwischen wieder da, noch ein paar Kollegen. Kurz geschildert, was los war. Bruchstücke hatten sich schon herumgesprochen, trotzdem herrschte Ratlosigkeit. Totale Leere. Was nun?

Habe ich die Schülerinnen und Schüler überhaupt gehen lassen dürfen? Ja! Nein! Jaaa!

Samstag haben wir uns dann in der Schule getroffen, die Lehrerinnen und Lehrer der Klasse, die Schulleitung. Inzwischen wusste man mehr. Die Untersuchungen waren bereits fast abgeschlossen.

Was machen wir mit den Schülerinnen und Schülern? Wer geht zu den Eltern?

„Wer unterrichtet die Klasse am Montag in der 1. Stunde? Herr Hofer, Sie? – Da gehe ich mit Ihnen hinein. Wir reden mit allen, so lange es nötig ist.“

Jetzt, Jahre danach bin ich immer noch überrascht, wie kurz das Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern ausfiel, denn nach guten 15 Minuten hatten der Direktor und ich den Eindruck, dass alle Mädchen und Buben genug hatten von dem Gespräch und … weitermachen wollten, mit dem Unterricht und ihrem Leben …

Rudolf hat sich als Schüler der 7. Klasse umgebracht, auf dem Weg zum Nachhilfelehrer, den er besuchen wollte, weil er in Deutsch, Mathematik und Englisch ein Nicht genügend hatte, die damals schlechteste Note überhaupt. Ich hatte ihm sein nächstes Nicht genügend am Montag austeilen wollen….

(Needs to be revised….)

Autor: Karsten Werner