4 Die Beschwerde

Die Beschwerde

Und da war dann diese kurze und klare Aufforderung des Schulleiters, doch rasch bei ihm vorbeizukommen. Er müsse mit mir reden. Es gebe da etwas Dringliches.

Was das wohl sein könnte, dachte ich mir. Wer kann es da wohl so eilig haben, dass es «dringlich» ist? Irgendwie ist ja alles an der Schule immer dringlich und eilig. Aber wie auch immer. Ich will die Sache schnell hinter mich bringen, suche rasch den Kontakt und das Gespräch und sitze dann beim Schulleiter in seinem Büro.

Er müsse mir mitteilen, dass da eine Beschwerde gegen mich eingegangen sei. Er holt aus und wird episch breit und wiederholt sich. Jemand habe sich beschwert über mich und er zitiert den Beschwerdeführer, bringt Auszüge des Briefes, der an ihn als Schulleiter gerichtet war, kommentiert wenig, moderiert, schluckt, ist ernst, mustert mich mit trockenem Mund. Schluckt wieder, wiederholt sich. Ich merke, er macht das nicht gerne – und irgendwie hat er mein Mitgefühl.

Aber wie geht es mir? Ich bin ja der Inhalt der Beschwerde.

Mein Zustand bewegt sich zwischen Betroffenheit und Heiterkeit. Nach der langen Einführung kommt dann meine Frage, wer denn dieser Beschwerdeführer sei.

Die Antwort – er möchte anonym bleiben.

Da will ich doch wissen, ob er aus dem Schüler- oder Elternkreis kommt.

Es sei ein Bekannter der Eltern einer – wie sich später nach meiner Recherche herausstellte – Schülerin, welche die Inhalte der Beschwerde bei einem Beisammensein im erweiterten Familienkreis der versammelten Gesellschaft ausgebreitet hat.

Ich staune und jetzt darf ich selber lesen, was der Beschwerdeführer da von sich gegeben hat:

«Bei ihm (gemeint ist der Lehrer, also ich, Anm.) bezieht sich stets alles auf Sexualität, was störend ist. Ein extremes Beispiel ist die Filmvorführung Oskar und die Blechtrommel. Dabei sind vor allem Sexszenen ausgiebig gezeigt worden (solche unter der Gürtellinie), während wichtigere Themen vernachlässigt, d.h. übersprungen wurden. Ausserdem werden ganze literarische Werke bloss auf die Sexualität beschränkt und wenn dieses Thema nicht so präsent ist, wird mit Sicherheit noch mehrmals auf die wenigen Szenen hingewiesen, welche von der Sexualität handeln. Dabei wird der eigenen Vorstellung keine Chance gegeben, sondern Herr XY sorgt dafür, dass wir es ganz sicher so verstehen.»

Ich unterbreche, muss Luft holen, herzhaft lachen und lese dann weiter:

«Sind der vorgesetzten Stelle das merkwürdige und meines Erachtens inakzeptable Verhalten von Herr XY auch bekannt? Wenn nicht, ist es wohl an der Zeit, diesem Erzieher besser auf die Finger zu schauen.

Auf meine Frage, warum haben die bedrängten Schüler nicht opponiert? So riskiere man eine schlechte Note, war die Antwort.

Im Kreise von … (sinngemäss Eltern und Bekannte, Anm. des Schulleiters), die alle ein solches Verhalten des erwähnten Pädagogen verurteilen. Aber niemand hätte den Mut, etwas zu unternehmen.

 Deshalb habe ich im stillen Kämmerlein beschlossen, die zuständigen Vorgesetzten über diesen Fall zu informieren.»

Wieder muss ich lachen, spüre aber, dass meine Betroffenheit nicht zu übertreffen ist. Ich spiele dem Schulleiter Gelassenheit vor, überspiele meine Wut, rede nur darüber, dass ich eigentlich lachen müsste und gleichzeitig wütend sein müsste auf diesen feigen Hund, der da anonym aus dem Hinterhalt mit dicken Patronen auf mich schiesst.

So oder so ähnlich habe ich reagiert, nachdem ich den Brief gelesen hatte, und jetzt kommt meine Frage an den Schulleiter, was er denn mit dieser Beschwerde mache.

Er werde sie bearbeiten und dem Beschwerdeführer Bericht erteilen.

Wieso er diese Beschwerde denn überhaupt annehme, möchte ich wissen.

Das müsse er. Der Beschwerdeführer habe das Recht darauf.

So oder so ähnlich antwortet man mir. Genau kann ich das nicht mehr nachvollziehen, koche ich doch innerlich vor Wut, lächle nach aussen über den Tisch hinweg, halte das Papier verachtend in der Hand, habe Mitleid mit dem abscheulich dummen Menschen, der so einen Brief schreibt.

Wieso er dem Beschwerdeführer denn nicht den Literaturkanon des Gymnasiums im Allgemeinen und der Maturaklassen im Besonderen anvertraut hat. Da hätte er doch lesen können, was denn da so alles an «unanständigen» Texten zu lesen ist an den Gymnasien. Wir lesen ja auch etwa Brecht, Turrini, Jelinek, Widmer und Suter, Kehlmann und Wedekind. Schiller  und Frisch, Handke und Capus, Bernhard und Timm, Bärfuss und Kafka.

Der Schulleiter schaut stumm.

Und ich ergänze, dass ich als Schulleiter dem Mann freundlich und deutlich die Leviten gelesen hätte, denn er als Schulleiter kenne ja mich und meinen Unterricht seit Jahren, er wisse, was ich mit welcher Klasse lese, was ich verlange bei Tests und bei der Matura, wie ich beurteile, wie ich benote. Und auch die Mitglieder der Schulkommission, die mich in meinem Unterricht wiederholt besucht haben, kennen mich und meinen Unterricht, haben diesen als anspruchsvoll, herausfordernd und hervorragend bezeichnet. Und überhaupt wisse er doch: Meine Türe steht immer offen. Da kann kommen, wer will, und mich und meinen Unterricht inspizieren.

Ich merke, ich bin ausser mir. Und langsam … fasse ich mich wieder.

Und jetzt kommt da so ein Kretin, ein feiger Hund, der da aus dem «stillen Kämmerlein» heraus sich berufen fühlt, meine Vorgesetzten aufzufordern, mir «besser auf die Finger zu schauen».

Und ich frage mich, mit welchen Figuren wir Lehrer es zu tun haben in unserem Beruf – direkt und indirekt. Mit diesem Mädchen, das offenbar nichts auch nur im Ansatz verstanden hat von dem im Unterricht Angebotenen. Mit diesem anonymen Wurm von Beschwerdeführer, der bedauernswert sich in seinem Loch verkriecht. Und der mich bespuckt aus sicherer Distanz. Und verletzt.

Autor: männlich, anonym