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Aus Liebe zur ewigen Stadt – Unterrichten in Rom

Ein wichtiger Moment in meinem Lehrerleben war mein Umzug von Schaffhausen (CH) nach Rom, wo ich heute an der Scuola Swizzera vorher auf der Primarstufe, jetzt am Gymnasium Deutsch und Geschichte unterrichte. Wie es dazu gekommen ist, wird von der Journalistin Simone Ullmann im September 2017 dargestellt. Den Text stelle ich gerne der Website «imlehrlauf.com» zur Verfügung, zeigt er doch, welche Momente im Leben eines Lehrers wegbestimmend sein können:

Es war Liebe auf den ersten Blick, als Raffaele Coda aus Schaffhausen mit seiner Familie zum ersten Mal in Rom war. Ihren Umzug haben sie nie bereut.

Dass Raffaele Coda nun seit 15 Jahren in Rom lebt, hat eigentlich nichts mit seinen italienischen Wurzeln zu tun. Aufgewachsen ist er nämlich in Schaffhausen, seine Frau Susanne in Feuerthalen. Nachdem sie zusammen in einem Chalet im Glarnerland und in Rafz gewohnt haben, kam 2002 der Wunsch nach einer Grossstadt auf. «Zürich wäre eine Option gewesen, aber bei unserem Aufenthalt in Rom sind die Würfel gefallen», sagt der 52-Jährige, der sich mit seiner Frau sofort in die italienische Hauptstadt verliebt hat.

Quartieratmosphäre wie in einem Dorf

Nachdem der Entscheid gefällt war, bewarb sich Raffaele Coda an der Schweizer Schule in Rom als Primarlehrer und bekam die Stelle. Der Auswanderung stand damit nichts mehr im Weg. An der Privatschule wird nach Schweizer Standard und nach dem St. Galler Lehrplan unterrichtet, da St. Gallen der Patronatskanton ist. Die Kinder können vom Kindergarten bis zur Matura an dieser Schule bleiben und danach den Weg an die Universität wagen. Während den ersten Jahren hat die Familie Coda mit drei Söhnen in einer Wohnung unweit der Aurelianischen Mauer gewohnt, wo sich auch die Schule befindet: «Für uns war wichtig, dass unsere Kinder ohne strapaziöse Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule kommen können und dass es einen Spielplatz und einen Park für unsere

Hündin Fedra in der Nähe hat.» Doch die Wohnungen in Rom sind nicht billig. Nach sieben Jahren wechselten sie in eine Eigentumswohnung in einer günstigeren Gegend – nur rund 20 Minuten vom Kolosseum entfernt. «Unser Quartier Pigneto ist mit seiner Fussgängerzone, dem täglichen Gemüsemarkt und den vielen Bars wie ein kleines Dorf.»

 

Hier leben sonst ausschliesslich Römerinnen und Römer, die hier aufgewachsen sind. Da sich viele kennen, ist es nicht schwierig, sich hier bald zu Hause zu fühlen», so Raffaele Coda.

Susanne Coda ist ausgebildete Kindererzieherin und Spielgruppenleiterin und arbeitet im Kleinkindergarten an der Schweizer Schule. Raffaele Coda hat nach zehn Jahren Primarstufe zur Sekundarschule und ans Gymnasium gewechselt und unterrichtet als Germanist und Historiker die Fächer Deutsch sowie Räume und Zeiten. Da die Privatschule bilingual ist, sind gute Sprachkenntnisse in Deutsch und Italienisch vorausgesetzt. Obwohl Raffaele Codas Eltern ursprünglich aus Italien stammen und seine erste Muttersprache Italienisch ist, bezeichnet er das «Schafuuserisch» als seine eigentliche Muttersprache. «Ab der Primarschule fing ich an, in Mundart zu denken, so dass mein Italienisch darunter litt. Obwohl ich durch den Umzug nach Rom meine ltalienischkenntnisse verbessern konnte, hinkt meine ehemalige Muttersprache immer noch hinterher, da ich in der Schule Hochdeutsch und Zuhause Schweizerdeutsch spreche.»

Temperamentvolle Schulkinder

Obwohl es sich um eine Schweizer Schule handelt, macht sich die italienische Mentalität bemerkbar, denn es sind dort hauptsächlich italienische Kinder anzutreffen. Nur knapp 30 Prozent haben einen Schweizer Pass. Doch das Schulklima sei sehr angenehm, wie Raffaele Coda sagt: «Da die Kinder ab dem dritten Lebensjahr unseren Kleinkindergarten besuchen, sind sie sehr gut sozialisiert, respektvoll, und fühlen sich wie in einer grossen Familie eingebettet» Aber es gibt auch Unterschiede zu Schweizer Kindern: «Unsere Schülerinnen und Schüler sind mehrheitlich wohlbehütete Grossstadkinder aus besserem Haus und grundsätzlich gut erzogen. Sie sind aber sehr temperamentvoll und spontan, was beim Unterrichten Vor- und Nachteile mit sich bringt. So braucht es meinerseits mehr Durch-setzungsvermögen beim Beginn der Lektion, bis alle still sitzen, gleichzeitig erfreue ich mich immer der regen Teilnahme am Unterricht.»

 

Leben abseits vom Touristenstrom

Die Familie Coda wohnt nun schon seit 15 Jahren in der ewigen Stadt, und trotzdem hat Rom für sie nichts an Faszination verloren. Das liegt sowohl an den historischen Bauten, dem Quartier abseits von Touristenströmen, aber auch an den Bewohnerinnen und Bewohnern der italienischen Stadt. «Die Römerinnen und Römer sind stolze, aber gesellige Menschen. Sie sind schlagfertig und reden gerne über Politik und Fussball. Es wird zusammen gelacht und geweint», sagt Raffaele Coda. Im Gegensatz zu den Schaffhauserinnen und Schaffhausern seien die Menschen in Rom sehr kommunikativ und würden Freude und Missgunst in lautstarken Diskussionen Ausdruck verleihen. «Da kann es schon einmal vorkommen, dass eine unbeteiligte Person an der Supermarktkasse in die Diskussion miteinbezogen wird, was in Schaffhausen undenkbar wäre», sagt Raffaele Coda.

Zu den Wurzeln zurückgefunden

Die Familie Coda hat das Abenteuer auszuwandern gewagt und nie bereut: «Wir fühlen uns hier heimisch. Unsere Söhne leben zwar jetzt in der Schweiz, um zu studieren, aber für sie ist es ein Nachhausekommen, wenn sie in Rom sind.» Raffaele Codas Frau Susanne, die ihn überhaupt erst auf die Idee gebracht hat, nach Rom auszuwandern, ist sogar ein angefressener Fan des Fussballklubs AS Rom. «Dank einer Feuerthalerin habe ich zu meinen italienischen Wurzeln zurückgefunden. Ausserdem kennt meine Frau die Nachbarn, grüsst auf dem Markt links und rechts und unterhält sich mit allen fliessend auf Italienisch, so dass ich mich frage, wer von uns nun eigentlich mehr Römer geworden ist», erzählt der Lehrer.

Eine Rückkehr in die Schweiz käme für das Ehepaar nur im Fall einer schweren Krankheit oder einer veränderten Arbeitssituation infrage. Dann aber wäre Schaffhausen zu klein: «Wir sind uns mittlerweile den Grossstadtdschungel so gewohnt, dass nur noch Städte wie Basel, Zürich oder Genf in Frage kämen.» Trotzdem ist die Sehnsucht nach Schaffhausen manchmal da: «Am Anfang hatte ich oft Heimweh. Dann habe ich meine Gitarre hervorgeholt und «Bloss ä chlini Stadt» gesungen.»