5 Beckenrand

5 Beckenrand[1]

(Drehbuch zu biografischen Momenten)

Kindergarten: Elena & Ich

(Einblende: Titel: Kindergarten)

 (Wir sehen Vinzent und ein Mädchen namens Elena, beide sind etwa fünf Jahre alt, auf einem grossen Stein sitzend, der inmitten eines Kindergartenspielplatzes. Die Aufnahme fokussiert immer auf die zwei schon erwähnten Kinder, manchmal läuft ein anderes Kind durch die Aufnahme, ausserdem vernimmt man im Hintergrund stetig die typischen Spielplatzgeräusche: Lachen, Laufen, Schreien, Heulen. In den Händen halten beide Kinder ein Schlangenbrot. Sie sind viel zu beschäftigt mit dessen Verzehr, als dass sie sich unterhalten könnten.)

(Nach einer Zeit des stillen Essens bemerkt das Mädchen, dass es vom Jungen angestarrt, bewundert wird. Sie lächelt ihn an. Er lächelt zurück.)

 Erste Klasse: Frau Sutter

(Einblenden: Titel: 1. Klasse)

 (Wir sind in einem Klassenzimmer, es ist der erste Schultag. Wir gleiten durch die sauber aufgereihten Schüler. Es ist der Moment kurz bevor es klingelt, einige Schüler sind unruhig, schauen umher, lachen, schreien. Die Aufnahme bleibt stehen bei Vinzent, der ganz still dasitzt. Dann klingelt es.)

Frau Sutter: Ich begrüsse euch alle ganz herzlich zu eurem ersten Schultag. (dreht sich und schreibt ihren Namen mit Kreide an die Wandtafel) Mein Name ist Frau Sutter. Ich bin eure Lehrerin. Wir werden jetzt mit unseren Stühlen einen Kreis bilden, und dann darf sich jeder mit Namen vorstellen. Ihr könnt auch sagen, wo ihr wohnt und was eure Hobbys sind, damit euch die anderen etwas besser kennen lernen. Ich habe hier diesen Gummiball, (zeigt Gummiball) und immer der, der den Gummiball hat, darf sprechen.)

(Schnitt zu: Close Up Vinzent. Im Bild sehen wir angeschnitten noch zwei weitere Schüler. Auf der einen Seite ist es Mladem, auf der anderen Elena. Aus dem Off hören wir, wie sich die anderen Schüler vorstellen. Je näher der Gummiball kommt, desto unruhiger wird Vinzent.)

Melissa: (Off) Also, ich bin Melissa Cortesi. Ich wohne in der Riedwegstrasse 13. Meine Hobbys sind Shoppen und Musikhören und mit Kolleginnen abmachen.

Kilian: (Off) Ich bin Killian Aregger. Ich wohne in der Bachstrasse 8. Meine Hobbys sind Zeichnen und Fussball.

Mladem: (Spricht nur sehr gebrochenes Deutsch. Erscheint zur Hälfte auf dem Bild.) Ich be de Mladem Ivanovitch und wohne in Almendweg 2. Ich due gern Fussball spiele.

(Vinzent wird der Gummiball gereicht. Es folgt eine unangenehme Stille, ein Hüsteln, kurz bevor Vinzent etwas sagt: Schnitt zu Schwarz.)

 Zweite Klasse: Mladem, mein Sitzpartner

(Einblenden: Titel: 2. Klasse)

 (2-Shot Mladem/Vinzent. Während Vinzent gespannt zuhört, was die Lehrerin erzählt, sitzt Mladem gelangweilt und träge in seinem Stuhl. Wir hören nur akustisch, was im Unterricht vor sich geht, unser Blick bleibt auf Mladem und Vinzent gerichtet.)

Lehrerin: (Off) … wir rechnen also 12 minus 6. Das macht 6. Und dann rechnen wir weiter plus 2. Was macht das?

Kilian: (Off) Ich glaube das macht 8, Frau Schmid.

Lehrerin: (Off) Nur nicht so scheu, Killian, das ist ganz richtig.

Lehrerin: (Off) Gut, Mathematik wäre für heute soweit abgeschlossen, wir wechseln jetzt ins Fach Deutsch. Ich schreibe noch einen Satz an die Wandtafel, es wird dann aber gleich Klingeln und dann könnt ihr in die Pause gehen. (Man hört das Geräusch einer Kreide, die an der Wandtafel kratzt.) Kann mir jemand vorlesen, was ich an die Wandtafel geschrieben habe? … Ja, Adrian.

Adrian: (Off) Frau Bürki ging heute Morgen einkaufen.

Lehrerin: (Off) Gut, Adrian, sehr gut. (Es klingelt.)

Dritte Klasse: Der Pausenplatz

(Einblenden: Titel: 3. Klasse)

 (Wir hören die typischen Pausenplatzgeräusche, während die Leinwand schwarz bleibt. Nach etwa fünf Sekunden verfolgen wir Vinzent von hinten per steady cam, wie er quer über den Pausenplatz läuft. Er geht auf einen von Jungen gebildeten Kreis zu. Innerhalb des Kreises prügeln sich zwei Knaben. Es sind Mladem und Ermeland. Als wir mit Vinzent am Schauplatz ankommen, haben sich die Knaben bereits etwas geprügelt und sind jetzt gerade damit beschäftigt, sich zu beleidigen und zu bedrohen.)

Ermeland: (schreit) Du dummer Hurensohn!

Mladem: Was sagst du meiner Mutter?

Ermeland: Hurensohn.

Mladem: Sag das noch einmal…

Ermeland: Meinst du, ich traue mich nicht? (Vinzent geht auf Ermeland zu.)

Vinzent: (Mit gedämpfter, flüsternder Stimme) Komm, Ermeland, lass es sein…

Ermeland: (unterbricht ihn, aufbrausend) Das ist ein Idiot, der hat nichts anderes verdient als einen in die Fresse!

Vinzent: Du hast recht. Er ist ein Idiot. Aber dafür musst du ihn nicht schlagen. Er kann ja nun mal nichts dafür, dass er ein Idiot ist.

Ermeland: (sich langsam beruhigend) Ja, ja. Du hast schon recht…

Vinzent: Ich regle das mit Mladem. (Vinzent dreht sich um und geht auf Mladem zu.)

Vinzent: (zu Mladem, Flüsterton) Mladem, lass Ermeland in Ruhe. Der ist es nicht wert, verprügelt zu werden.

Mladem: Hast du gehört, wie er meine Mutter beleidigt hat? Dem schlag ich…

Vinzent: (unterbricht Mladem) Mladem, weisst du, wieso er deine Mutter beleidigt hat?

Mladem: (weiss nicht, auf was Vinzent hinaus will) Nein, wieso?

Vinzent: Weil er dumm ist, weil er ein Trottel ist. (Mladem starrt konzentriert auf Vinzent.)

Vinzent: Aber dann lass ihn doch einfach dumm sein. Er kann ja nichts für seine Dummheit. (Mladem nickt mit offenem Mund. Er scheint Vinzents Standpunkt zu teilen.)

Vierte Klasse: Sie

(Einblenden: Titel: 4. Klasse)

(Close Up Mund Elena in Zeitlupe.)

SCHNITT ZU:

(2-Shot Elena/Vinzent seitlich. Wir sind in einem Klassenzimmer in dem Werken unterrichtet wird. Elena und Vinzent unterhalten sich. Während Elena aufgeregt erzählt und nur noch marginal zum Laubsägen kommt, ist Vinzent völlig in Elena versunken und unfähig, gleichzeitig noch irgendetwas anderes zu tun, als Elena zu betrachten.)

Elena: Ich komme also nach Hause…

 (Der Ton bricht ab und wird ohne Unterbruch von einer aus dem Off kommenden Stimme ersetzt. Die Stimme gehört einem etwa fünfzigjährigen Kettenraucher und schwankt zwischen Aggression und Depression. Zwischen den Sätzen hört man jeweils, wie der Erzähler einen Schluck Whiskey nimmt oder an seiner Zigarette zieht.)

 Erzähler: (Off) Ja, ja die Schule, ein Haufen schwachsinniger Erinnerungen, mehr nicht. Raufen und Mädchen, dazwischen, als unwichtige Randnotiz, der Unterricht. (zündet sich eine Zigarette an) Und da war also sie. Oft bin ich nur zur Schule gegangen, weil sie da war, das schien mir der einzige gute Grund zu sein, stundenlang in einen schlecht gelüfteten, mit Trotteln gefüllten Raum zu sitzen. Das alles begann ja schon viel zu früh… im Kindergarten vielleicht, und es hörte nie mehr auf, bis heute nicht… der Kampf, der ewige Kampf.

 (Die Kamera erhebt sich und wir schweben langsam dem Himmel entgegen, den Blick allerdings immer nach unten gerichtet. Rund um die Werkbank erscheinen jetzt weitere Werkbänke, auf der einen Seite jeweils ein Junge, auf der anderen ein Mädchen sitzend.)

 Erzähler: (füllt ein Glas mit Flüssigkeit, Off) …ist ein guter Scotch, leiste ich mir nicht oft… (Wir sehen jetzt etwa sechs Werkbänke) Seht ihr all diese Trottel… Trottel, wie ich einer bin. Dasitzend,  zuhörend, nicht wissend, dass das alles noch andauern wird, bis in alle Ewigkeit, dass sie auch in zwanzig Jahren noch dasitzen werden, zuhörend, träumend… Weil der Mensch, oder sagen wir der Mann, nichts weiter ist als ein Stück organische Masse, die an einer Werkbank sitzt und verliebt und unmündig dem anderen Geschlecht zuhört. (Der Erzähler legt eine bedeutungsschwangere Pause ein.)

 (Wir schweben immer höher hinaus und sehen jetzt, dass das Klassenzimmer eine unmögliche Grösse hat, die Werkbänke werden immer mehr zu kleinen Punkten auf der Leinwand.)

 Erzähler: (Off) Und uns wird versprochen, wir würden Wissen. Irgendwann wissen wir dieses und jenes. Ein Versprechen, das Sicherheit und Endgültigkeit und Glück suggeriert. Irgendwo dort in der Ferne… Was für ein Beschiss das alles ist… Und die Schule! Die Schule ist das wohl Absurdeste, was mir je untergekommen ist! Man lockt dich her, ja, ja, komm, komm nur, wir bringen‘s dir schon bei, wir bringen dir schon bei, was du wissen musst, und nebenbei, ganz unauffällig, wie du zu leben hast!… Und jetzt sitzt er da, der Mensch, das einzige, was er weiss, ist, dass er irgendetwas können müsste, dass er irgendetwas wissen müsste, damit alles so läuft, wie es ihm versprochen wurde, und das einzige, was er im Kopf hat nach unendlichen Jahren der Schulung, sind ein paar GESICHTER, DIE ER IN VERZWEIFELTER VERLIEBTHEIT UND ENDGÜLTIGKEIT IMMER WIEDER DURCHBLÄTTERT – UND IMMER WIEDER UND WIEDER UND WIEDER…

 (Der ausufernde Monolog des Erzählers wird abrupt durch einen Schnitt zu weiss unterbrochen. Jetzt ist es ganz still.)

 Fünfte Klasse: Der Begrüssungsmonolog

(Einblenden: Titel: 5. Klasse)

 (Wir sind im Schulzimmer, am ersten Schultag der fünften Klasse. Im Bild sehen wir wieder Vinzent, der wie immer ganz still dasitzt, allerdings gleicht seine Haltung schon eher der Mladems in der 2. Klasse. Aus dem Off hören wir den Begrüssungsmonolog von Frau Frey, der neuen Lehrerin. Frau Frey ist eine äusserst korpulente Frau und in ihren späten Fünfzigern. Sie trägt ein weites Kleid, um ihre Figur zu kaschieren, was jedoch unmöglich gelingen kann. Wir sehen Frau Frey nur für die ersten drei Sekunden der Szene, sobald sie beginnt zu sprechen, ist dir Kamera ausschliesslich auf Vinzent gerichtet.)

 (Es klingelt.)

Frau Frey: (leises Hüsteln. Off) Liebe Schülerinnen und Schüler, ich begrüsse Sie ganz herzlich in der fünften Klasse. Mein Name ist Frau Irene Frey, ich werde euch dieses und nächstes Jahr unterrichten. Ihr habt von einigen Schülern im Schulhaus vielleicht schon das eine oder andere über mich gehört. Ich rate euch allerdings an, euch selber eure Meinung zu bilden. (Pause) Die fünfte Klasse ist nicht die vierte Klasse, und ich versichere euch, es wird strenger werden und ihr werdet fleissiger werden müssen.

(Der Monolog von Frau Frey wir durch heftiges Krachen unterbrochen. Die Decke des Schulzimmers wird mit Wucht fortgerissen und im nächsten Moment füllt sich das Schulzimmer bis oben hin mit Wasser. Erst jetzt löst sich die Kamera von Vinzent und wir sehen, wie Frau Frey wie ein schwerer Stein am Boden umhertreibt, während die Schüler wie junge Delfine an die Wasseroberfläche schwimmen. Wir nehmen den Blickwinkel eines Schülers ein und treiben an die Wasseroberfläche. Kurz vor dem Erreichen der Wasseroberfläche: Einblende.)

Sechste Klasse: Das Schwimmbecken

(Einblenden: Titel: 6. Klasse)

 (Wir tauchen auf und finden uns in einem Schwimmbecken, gefüllt mit einer 6. Klasse. Wir erspähen Vinzent, der sich am Rand des Schwimmbeckens hält und keucht. In der folgenden Szene nehmen wir eine leicht gehobene Position ein, auf Vinzents Hinterkopf blickend, während wir ihn verfolgen. Vinzent steigt, stösst sich ab vom Beckenrand und schwimmt Längen zusammen mit den anderen Schülern. In der Mitte der zweiten Länge säuft Vinzent plötzlich ab. Die Kamera nimmt diese Bewegung nicht auf, sondern gleitet mit gleicher Geschwindigkeit und Richtung wie vorher über das Wasser, während das Bild langsam zu schwarz überblendet und kurz vor Erreichen des Beckenrandes vollständig schwarz wird.)

Autor: Yannick Spiess

[1] Die S-Schreibung in diesem Text folgt den Schweizer Rechtschreibregeln.